Mundart

Von Mundart und Mundunarten

Daß mir die wahre Volkskultur mitsamt Mundart und Dialekt und das Authentische sehr am Herzen liegt, mag ja da und dort schon durchgedrungen sein, doch kürzlich, beim Lesen des folgenden Artikels bemerkte ich die völlige Übereinstimmung mit meiner Einstellung zu diesem Thema, selbst 35 Jahre nach dessen Erscheinen! Diesen fand ich in der Zeitschrift „Schönere Heimat“ Ausgabe aus 1991, Heft 3, und darf ihn mit freundlicher Genehmigung (Mail v. 6.7.2026, 8:11) vom „Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V.“ hier in  unveränderter Abschrift wiedergeben:

KOMMENTARE: Mundart und Mundunarten – Nur eine Randbemerkung
Die Zeiten sind vorbei, in denen bei uns das Daseinsrecht des Dialekts und insbesondere des Dialektgebrauchs verteidigt oder begründet werden mußte. Dazu mögen auch Hörfunk und Fernsehen beigetragen haben. Volkskundeprofessoren und Sprachforscher sprechen von einer Renaissance der Mundart, und der Hamburger Germanistikprofessor Dieter Möhn stellte fest, daß „Mundart heute in allen Schichten gesprochen wird und in gewissen Kreisen der high snobiety geradezu als schick“ gelte. Das soll man nicht sozusagen von unten her kritisieren und abtun, wenn man, mit Recht, fordert, daß die Mundart nicht nur salonfähig gemacht werden, sondern die Gesellschaft insgesamt wieder mundartfähig werden soll.

Da und dort mag die Tatsache, daß Mundart wieder „in“ ist, mit Snobismus oder z.B. bei Politikern und in sonstiger Reklame, mit Anbiederungsabsichten zu tun habe – aber es gibt doch tiefere Gründe für diese Entwicklung: ich möchte darauf noch zu sprechen kommen, aber ein Stichwort dazu gleich hier: Zu der so viel beredeten, oft nur scheinbaren Demokratisierung unseres Zusammenlebens leistet der zunehmende Gebrauch der Mundart einen tatsächlichen Beitrag, denn die in den verschiedenen Epochen unserer Geschichte jeweils „tonangebenden“ Schichten haben immer auch den Ton der Sprache bestimmt, und heute ist mehr „Volk“ tonangebend als jemals davor. Die alte Regel: „Je höher der soziale Status, desto weniger Dialekt“ gilt ganz gewiß nicht mehr. Es wird, glaube ich, dazu kommen, daß die Unfähigkeit, einen Dialekt zu beherrschen, als Bildungsfehler gilt und jedenfalls nicht mehr als Bildungsnachweis. Diese Entwicklung wird ohne Zweifel auch gefördert durch die zunehmende Ausgelaugtheit unseres Hochdeutsch – nicht eigentlich der hochdeutschen Sprache und ihrer reichen Möglichkeiten selber, sondern wegen ihres verantwortungslosen Gebrauchs. Eine Gefahr übrigens, von der auch der Dialektgebrauch keineswegs frei ist – abgesehen von weiterhin bestehenden Gefährdungen, zu denen auch die aus zwingenden Gründen geforderte zunehmende Mobilität der Menschen in einer Industriegesellschaft gehört. Ich weigere mich, ein Lob des Dialekts zu singen, sofern der Dialekt – nicht nur der unsere, aber gerade auch der unsere gegen die Schrift und Hochsprache polemisch ausgespielt wird oder als Karren dienen soll, den man mit einem ganzen Haufen von Ressentiments, z.B. Süd gegen Nord, West gegen Ost und umgekehrt, beladen kann. Oder wenn er nur als Vehikel entdeckt und verwendet wird, um „klassenkämpferische“ und verwandte Ideologien wirkungsvoller an Mann und Frau zu bringen.

Wo Dialekt noch (oder wieder) natürlich und unverkrampft, als erste und eigentliche Muttersprache gesprochen wird, stellt er einen hohen menschlichen und kulturellen Wert für sich dar; in der Dialektliteratur, in der Dialektdichtung allerdings hängt sein Wert allein vom Wert dieser Dichtung, von seiner literarischen Qualität ab, und dieser Wert hat eigene, allgemeinere Kriterien. Hüten wir uns davor, etwas schon deswegen für gut zu halten und zu loben, nur weil es im Dialekt geschrieben, vorgetragen oder gesungen wird …

Der Dialekt hat viele, sehr unterschiedliche Gangarten, genau wie das Hochdeutsche, womit meist nur das sogenannte Schriftdeutsch gemeint ist, das notwendigerweise formelhafte, weitgehend reglementierte Deutsch der Behörden, der Verwaltung, der Verständigung im Wirtschafts- und Geschäftsleben; das Hochdeutsch, auf das man sich geeinigt hat, um sich über regionale Begrenztheiten hinaus zu verständigen; und dann die Hochsprache unserer Literatur und Dichtung, die sich nach dem Mittelalter entwickelt hat. Davor war jede Literatur und Dichtung an Mundarten gebunden. Auch in der Neuzeit gab und gibt es Dialektdichtung von hohem Rang; eines ihrer Kennzeichen ist, daß sie sich ohne Substanzverlust nicht übersetzen läßt, genauso wenig wie die große Literatur der Hochsprache. Den „Faust“ in einen Dialekt zu übersetzen, muß nicht gleich eine sinnlose Spielerei sein, es mag als eine Probe, eine Prüfung (auch für den Übersetzer) für die Möglichkeiten einer Mundart geiten und als solche einen eigenen Wert haben, oder auch als „Vermittlung“ zum „Volk“ hin (falls man das für nötig hält; erfolgreich ist es allemal). Sehr viel hochdeutsche Dichtung hat mehr Mundart in sich, als hundert noch so nette Dialektreimereien, die man gewiß niemand verwehren möchte.

Es gibt wohl kaum einen großen, sprachschöpferischen Dichter, der nicht von einer Mundart hergekommen oder beeinflußt worden wäre. Es gibt aber auch keinen Höhepunkt der Dialektdichtung, der die Gipfel der hochdeutschen Dichtung überragen könnte, am wenigstens in der Prosa. Also nocheinmal: Versuchen wir nicht, das eine gegen das andere auszuspielen …

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag, der um den Nachweis bemüht war, daß wir eigentlich nur noch die Mundart als Sprache bemühen sollten; der Vortrag, vor lauter Einheimischen gehalten, befleißigte sich des feinsten Schriftdeutsch …

Ich meine, auch anderer Eifer tut dem Dialekt keinen Gefallen und trägt sogar oft dazu bei, die vielfältigen und dankenswerten Bemühungen um die Mundart wieder mit Fragezeichen zu versehen. Es gibt eben auch Mund-Unarten. Entscheidend ist doch auch das Gefühl für das Gehörige, das Passende, worunter ich alles andere als oberflächliche Anpassung verstehe.

Dazu gehört etwa die Frage, vielleicht Fraglichkeit des Dialekts in der Kirche, als Sprache beim Gottesdienst. Gerade sehr einfache, immer und ganz selbstverständlich in ihrem Dialekt sprechende Menschen haben da berechtigte Vorbehalte – sie gehen ja auch nicht im Werktagsgewand in die Sonntagsmesse.

Mundart und Hochsprache – beide sind die unentbehrlichen Pole im Sprachleben jeder Kulturnation. Die Mundart hat die tiefere Herkunft, ist die persönlichere, individuellere, zugleich aber auch die in den begrenzten Regionen stärker gemeinschaftsgebundene und gemeinschaftsbindende Sprachform; mit der Hochsprache haben wir die Möglichkeit, über die Begrenztheiten, nicht nur geographischer Gebiete und soziologischer Gruppen, hinaus am geistigen und sozialen Leben größerer Gemeinschaften teilzuhaben.

Die Quellen und Bäche der Mundart strömen freilich immer und immer in die Kanäle und in den Strom der Hochsprache ein, sie liefern ihr den Sauerstoff, den lebendiges Wasser braucht. Sie ist eine der stärksten Gegenkräfte gegen eine scheinbar allmächtige Nivellierung und Vermassung, in einer Welt, die ihrer Internationalität zuliebe so vieles schematisiert und normiert hat. Fast alle unsere Lebensformen unterscheiden sich kaum mehr von denen in anderen Ländern oder Kontinenten. Die Gewalten, die über unser persönliches und nationales Schicksal befinden, sind immer weiter von uns und unserem Land und von unserer unmittelbaren Mitbestimmung entfernt.

Das ist unvermeidlich und hat auch sein Gutes. Aber wir dürfen die Notwendigkeit eines natürlichen Gleichgewichts nicht vergessen. Und es ist nicht nur tröstlich, sondern entscheidend wichtig für unsere Zukunft, daß gerade heute die Kräfte des Eigenen, des Unterscheidenden, des Individuellen wieder wachsen, die immer wieder frischen Kräfte aus den vielen Heimaten dieser Erde, wo immer die Menschen noch eine haben. „Wo aber Gefahr ist“, sagt Hölderlin, „wächst das Rettende auch“. Die Mundart gehört zu diesen rettenden Kräften. Sie ist die menschlichste dieser Kräfte, so lange sie ihren Wurzeln verbunden bleibt und ihre Ehrlichkeit nicht verspielt, denn sie ist unbestechlicher als die hochdeutsche Gemeinsprache, abhängiger von Sachverhalten und von der Wahrheit man versuche nur einmal, und Martin Walser hat das in einem schlagenden Beispiel für das Alemannische dargetan, eine ganz alltägliche politische Rede oder ein Kommunique in den Dialekt zu übertragen: der Dialekt entlarvt das Unhaltbare. Er ist eben nur zu allerletzt eine Sache der Aussprache; er verweigert sich, wenn er Worte und Wörter sagen soll, die nicht aus eigener Erfahrung und Wahrnehmung kommen und am Ende nur verschleiern.

Zum schönsten Lob, das je über die Mundart gesagt wurde, gehört ein Satz Goethes aus „Dichtung und Wahrheit“. Er war nach Leipzig gekommen und hatte sich überreden lassen, sogleich seine eigene gegen die dort modische Garderobe einzutauschen. Daß er auch noch seinen oberdeutschen Dialekt gegen das zur hochdeutschen Gemeinsprache hin zielende Meißnerische umtauschen sollte, hat ihn geärgert, weil das nun, wie er sagt, eine Sache betraf, die man nicht so leicht ablegt und umtauscht. Und eben in diesem Zusammenhang steht der Satz: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft“.

Lassen wir uns dieses schöpferische Element nicht nehmen und nicht verderben. Auch nicht von Mundartpoeten, die dem Massenerfolg ihre (ursprünglich oft vorhandene) Begabung opfern, indem sie Verse schmieden jeden Tag, in einem gefälligen Mischmasch von Hochdeutsch und Dialekt (meistens einem Reim zuliebe); die nicht selten hochdeutsch denken und dann rückübersetzen und mitunter nicht einmal merken, daß das bloß scheinbar selbe Wort im Dialekt etwas ganz anderes meint!
Alois Fink

Bem: Alois Fink alias Matthias Schaching (* 19. 2. 1920 in Gotteszell; † 22. 5. 2012) war als deutscher Journalist und Schriftsteller tätig. Fink regte nach dem 2. Weltkrieg die Gründung der Deggendorfer Zeitung an. Von 1947 bis 1980 war er Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, war Leiter des Zeitfunks sowie des Regionalprogramms „Dreimal Bayern“, von 1965 bis 1973 Bereichsleiter für Sonderprogramme des Bayerischen Fernsehens und von 1973 bis 1980 Leiter der Hauptabteilung Kultur im Hörfunk. Als Autor machte er sich bis Anfang der 2000er-Jahre auch als Fernsehmoderator und Buchautor präsent. Foto: BR, Unternehmensarchiv mit freundlicher Genehmigung

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