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Die, die Volkskultur am Leben lassen

Gottlob, es gibt viele Menschen, die die Volkskultur am Leben lassen und erhalten. Hier eine Vollständigkeit zu gewährleisten, wäre schlicht ausgedrückt, eine Anmaßung meinerseits. Es gibt auch heutzutage noch Persönlichkeiten, die sich intensiv mit der Volkskultur befassen und sich dafür einsetzen, daß unsere Volkskultur das bleibt, was unsere Großväter und Väter teils mühevoll erkämpften und aufbauten. Klingende Namen wie Kiem Pauli, Konrad Mautner, Viktor Geramb und etliche andere prägen die Liste derer, die unsere Volkskultur am Leben erhielten beziehungsweise wieder in unser Leben zurückbrachten. Viele nehmen es wirklich ernst, andere wieder versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Eine völlig ’normale‘ Entwicklung, der ich mich dennoch vehement dagegenstelle, weil für mich gewachsene Volkskultur was anderes ist als grad geborene, die es sowieso nicht gibt, weil Volkskultur gewachsen sein muß, damit sie überhaupt als Volkskultur bezeichnet werden darf. Und Volkskultur ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Kultur.
Volkskultur ist Emotion, ist Überlieferung und ist das, was wir aus der Natur lernen und gelernt haben. Daß die Natur in der zentralen Schweiz ein anderes Bild hat wie im Karstgebiet von Slowenien, sich im Allgäu anders entwickelte als am Tegernsee oder im österreichischen Alpenvorland, kann wohl niemand bestreiten. Volkskultur hat aber nichts mit politischen Grenzen zu tun, sondern viel mehr mit geografischen. Wie schön ist es zu erleben, daß nur wenige Kilometer entfernt in dem einem Talgraben dieser Dialekt gesprochen wird und im anderen jener Sprachgebrauch daheim ist.
Vergleichbar ist es auch in der Musik. Wie unterscheiden sich doch die urigen Klänge aus den Schweizer Alpen von den Hauer- und Schifferliedern der Wachau, wie konträr ist der warme, weichherzige Kärntner Gesang im Vergleich zum nicht weniger ans Herz gehende Klang der Bayerischen Almenlieder, man denke dabei an den Volksliedsammler Kiem Pauli. Alle für sich haben liebenswürdige Eigenheiten und ein Urteil, das ist schön und das ist nicht schön, wäre eine Anmaßung, die völlig falsch am Platz ist. Das eine geht ins Ohr, das andere eben nicht.
Vergessen wir in diesem Zusammenhang aber nicht die Menschen, die seit Jahrhunderten mit uns, neben uns und bei uns leben, die völlig andere Wurzeln haben und die heute noch die Substanz für deren Charakteristik bestimmen. Wie schön ist es zu beobachten, wenn in Südkärnten das Slawische einströmt, im Osten das Pannonische und im Norden Österreichs Böhmische und das Mährische. Selbst im Westen läßt sich diese Strömung beobachten, wenn wir ins Vorarlbergische hineinhören und deutlich ein Mix aus dem Schweizerischen und dem Bayerischen heraushören. Und überall sind die Grenzen verwischt und nicht spürbar.
Ein konkretes Beispiel will ich aus meiner früheren Heimat hier mit einbringen. In Zeltweg aufgewachsen, bin ich gern auf den Zirbitz (2.396 m) gewandert. Bereits im Talort Obdach war der Dialekt ein anderer. Hinauf nach St. Wolfgang am Zirbitz, da sprachen die Menschen schon wieder anders, vielleicht etwas weicher als im Tal. Und droben angekommen am Zirbitzkogel, hörte man deutlich, von wo die Menschen hierher aufgestiegen sind. Typischer Kärntner Dialekt aus dem Lavanttal herauf. Ähnlich, aber doch ganz anders die Wanderer aus dem Gebiet Neumarkt, das an einen völlig anderen Teil Kärntens grenzt und die Menschen, die aus dem Murtal heraufkamen, ließen sich ob ihres Dialekteinschlages ziemlich genau separieren in Fohnsdorfer, Judenburger oder Knittelfelder, drei Orte, die sich gemeinsam in einem Umkreis von rund 10 Kilometern befinden. Jeder war hier willkommen und nicht selten wurden Lieder eingestimmt, die gemeinsam gesungen wurden, ohne einen „alkoholischen Starter“ zu benötigen. Es war Freude, es war Erleben und es war – einfach schön. Es war, so denke ich, für uns unsere „Wurzel zur Volkskultur“!

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